Wenn ein Verlag seiner Autorin in der Auswahl der Themen und der Plots der zu erwartenden Romane weitestgehend freie Hand lässt, dann zeugt das von einem großen Vertrauen – das sich die Autorin offensichtlich erarbeitet hat.
Genau das ist beim HarperCollins mit Frau Kati Naumann der Fall!
Die Arbeit an ihrem ersten in diesem Verlag erschienenen Roman beschäftigte sie fünf Jahre. Kein Wunder, könnte man meinen, wenn sie „nebenbei“ viel beachtete Hörbücher und Buch-CD-Kombinationen verfasst, als Lyrikerin und Librettistin tätig ist, für Musiksendungen des Fernsehens und als Drehbuch-, Hörspiel- und Kinderbuchautorin arbeitet.
Doch ganz so klar ist die Sache nicht. Die Zeit und die Beharrlichkeit, die es braucht, Agenturen und Herausgeber von der Qualität der eigenen Arbeit und nicht zuletzt auch von den wirtschaftlichen Erfolgsaussichten eines Werkes zu überzeugen, sind nicht zu unterschätzen!
Vor allem aber: Kati Naumann fühlt sich gegenüber ihren Lesern in der Verantwortung, authentisch, stimmig und nachvollziehbar zu erzählen. Zur Vorbereitung gehören Recherchen in Archiven selbstverständlich dazu. Und wenn sie eine Örtlichkeit beschreibt, dann hat sie sie besucht und weiß, welchen Weg die Kinder zur Schule gehen und hinter welchem Baum die Sonne aufgeht. Wenn es um technische Details geht, dann hat sie einen Fachmann konsultiert. Zeitzeugen (die man natürlich erst mal finden muss) schildern Alltagssituationen und teilen ihr dabei die eigenen Geschichten mit.
So entstehen Erzählungen, die den Leser nicht nur mit den Protagonisten mitfiebern lassen, sondern auch mit Einblicken in geschichtliche Geschehen und Zusammenhänge aufwarten.
Im „Fernwehland“ spannt der Traum eines Jungen den Bogen von der Elbfähre zum Kreuzfahrtschiff Völkerfreundschaft, das, als Transatlantik-Liner Stockholm 1956 nach einer Kollision mit der Andrea Doria stark beschädigt, von der DDR zum „Schnäppchenpreis“ erworben wurde. Umgebaut zum Einklassenschiff diente es bis 1985 für den FDGB-Feriendienst zu Urlaubsfahrten und wird 40 Jahre später als Astoria verschrottet.

Bestimmt auf nicht weniger Interesse dürfte der nächste Roman von Kati Naumann gerade im Vogtland stoßen: Es geht in „Der halbe Mond“ um die Teppichwerke Oelsnitz, und wer nicht gerade im Schloss Voigtsberg die Ausstellung Auf der Suche nach Heimat besucht hat, erfährt vielleicht zum ersten Mal, dass nach dem Zweiten Weltkrieg in Oelsnitz das einzige „Durchschleusungslager“ als Durchgangsstation von der Sowjetischen in die US-Besatzungszone für hunderttausende Flüchtlinge und Umsiedler bestand.

Nach der Lesung bot sich noch Gelegenheit, angeregt durch das Gehörte untereinander und mit der Autorin eigene Erlebnisse und Erfahrungen zu debattieren.

Vielen Dank an Frau Naumann, die mit ihrer offenen Art die interessierten Zuhörer für sich einzunehmen wusste!
Christian Hascher