Eine Stunde vor Beginn unserer Veranstaltung am 19. April 2024 traf der Referent – Tierpfleger und -kenner, Beschäftigungstherapeut, Reiseführer und Buchautor Jörg Gräser am Lengenfelder Hof ein. Doch der erste war er nicht! Viele Gäste (über 100 kamen) wollten nicht nur dabei sein, sondern auch in der ersten Reihe sitzen und waren schon vor Ort, bevor die Technik aufgebaut wurde.

Jörg Gräser wurde wie ein alter Bekannter begrüßt und fand auf Anhieb Kontakt zum erwartungsfrohen Auditorium. Und da ging die Reise auch schon los – über São Paulo zum Rio Negro. Der „Schwarze Fluss“, dessen Quellgebiet in Kolumbien liegt, ist bei Manaus auf wenige Kilometer „eingeengt“, fließt als dessen größter Nebenfluss in den Amazonas und erlaubt sogar Containerschifffahrt. Der Wasserstand der Ströme variiert abhängig vom Niederschlag beträchtlich, so dass zeitweilig nur die Kronen der Baumriesen aus dem Wasser ragen und andererseits bei Trockenheit manche Flussanrainer von ihren auf Stelzen stehenden Häusern einen kilometerweiten Weg zum Ufer haben.

Für den staunenden Laien schwer überschaubar ist der Formenreichtum der Regenwaldpflanzen und die Vielfalt der Lebewesen. So wurden wir mit der schmarotzenden Würgefeige und der für die Ernährung der Menschen wichtigen Maniokpflanze, genauso wie mit dem Rabengeier bekannt und erfuhren, dass die Küken des Hoatzins (des „Stinkvogels“) Krallen wie Urzeitvögel haben. Der Linienspecht hat einen „Flammenkopf“ und das Zweifinger-Faultier an den Hinterfüßen nicht weniger Krallen als das Dreifinger-Faultier. Dieses lebt in einer Dreier-Symbiose mit der Faultiermotte und den Algen in seinem Fell, die für ihn nicht nur als Nahrungsergänzungsstoff, sondern auch für die Tarnung im Blätterwald dienen. Und weiter sahen wir beeindruckende Bilder vom Mantelkardinal und der Rotbauchdrossel, vom Guirakuckuck mit Punkfrisur, vom Hyazinthara, dem größten flugfähigen Papageien der Welt, vom Schopfkarakara und dem Stirnbandibis – sie und viele, viele andere – man sollte sie gesehen haben! Der Star unter den Tieren war aber ganz sicher das „Chacochac Chacalaca“-Huhn (tatsächlicher Name ähnlich).

Natürlich tauchten nicht nur Vögel auf, sondern auch Leguane und Wasserschweine, Riesenotter, Kaimane (wahlweise mit Schmuckreiher oder Zitteraal im Maul), Fischfledermäuse und Buckelrinder, Totenkopfäffchen und ein Waran. Aber wo bleibt der Hauptdarsteller aus dem Vortragstitel? Tja – Jaguare entdeckt man am Tag im Urwald nicht, und nachts sollte man lieber keinem begegnen, denn: „Jaguare sind Druffgänger, da sind Löwen und Tiger schissiger!“ (O-Ton J. G.). Also, wenn nicht im Wald, dann eben im Wasser: Das Auftauchen eines Jaguars, der als hervorragender Schwimmer – wenn auch erst im zweiten Versuch – einen Fluss überquerte, war sicher ein Höhepunkt der Expedition und somit auch im Vortrag für die Zuhörerschaft.

Nicht zuletzt bekam der potentielle Regenwaldtourist noch wertvolle Survival-Tipps: Wo finde ich Trinkwasser, welches Holz brennt und womit kann ich es entzünden, wie baut man einen Unterstand (bevor man sich um’s Feuer kümmert) und wie fange ich gefahrlos einen Piranha.

Fazit: Ich freue mich auf das im September erscheinende Buch „Gräsers Tiergeschichten“ und habe es natürlich schon bestellt – für den Fall, dass unser Gast es bei seinem (hoffentlich) nächsten Besuch in Lengenfeld vergessen haben sollte.

Ch. Hascher